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Laufen - mein Leben
Gerd Müller aus Havelberg
   
   
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36. Rennsteigmarathon - ein Lauf der anderen Art am 17.Mai 2008

Die Anspannung vor diesem Abenteuer war bei Börnie und mir riesengroß !

Börnie steckte voller Selbstzweifel. Zum einen gingen die letzten bewältigten Halbmarathons gelinde gesagt in die Hose und zum anderen fragte er sich: Wie soll ich einen Marathon schaffen? Eine einzige lange Trainingseinheit knapp über 3 Stunden hatte er absolviert.

Bei mir lag das Problem auf einem anderen Gebiet. Auch ich zweifelte daran, dass er es schaffen kann. Natürlich durfte ich ihm das niemals zu erkennen geben !

Ich habe zwar riesige Lauferfahrung, aber noch keine in der Führung eines totalen Neueinsteigers auf der Marathonstrecke. Ich wollte aber alles tun, um das Wirklichkeit werden zu lassen, was ganz sehr nötig war.....diese Lauf für Börnie mit einem Erfolgserlebnis enden zu lassen !

Börnie kam mit dem Zug nach Gotha – ein richtiger Entschluss, da er dadurch Kraft und Energie sparen konnte. Zeit zum Kennenlernen von Gotha war nicht, denn bereits gegen 14  Uhr  begaben wir uns auf die Fahrt zum Startort Neuhaus.

Gegen Ende der Fahrt bekam Bernhard bereits eine Vorahnung von der Schönheit des Thüringer Waldes aber auch eine von den Schwierigkeiten und Problemen, die ihn morgen erwarten würden. Würde er die 43,5 km und rund 700 Höhenmeter morgen bewältigen können ?

Erst einmal aber gab es bei unserer Gastfamilie Siegel in Neuhaus einen anständigen Kaffee mit leckerem Kuchen. Diese Kohlenhydrate konnten wir morgen bestimmt noch gut gebrauchen.

Danach holten wir unsere Startunterlagen ab und ich erlebte die erste aber zum Glück einzige Enttäuschung. Die Veranstalter hatten meinen im Jahr 2002 absolvierten Supermarathon

„unterschlagen“ ! Obwohl ich am Folgetag meinen 20. Marathon laufen würde, stand er in den Unterlagen nur als 19. Noch am Abend machte ich in einem Gespräch mit dem Leiter

im Startort des Marathon Dieter Greiner dieses Problem klar – ich bekomme im Nachlauf eine neue Startnummer (mit dem Vermerk auf den 20., die bei allen darauf ist) und die Unterlagen werden aktualisiert.

Dann ging es los. Auf in die Sporthalle zur Kloßparty. Wer die Stimmung dort noch nie erlebt hat, muss einfach überwältigt sein ! Sie wurde immer wieder durch den Sänger und Moderator „Hans im Glück“ und durch die Tanzband Hess angeheizt !

Um etwas zur Ruhe zu kommen, begaben sich Börnie und ich in den Startbereich an das bereits aufgebaute Starttor und liessen etwas Vorstartstimmung aufkommen.

Gegen 23 Uhr war dieser Tag zu Ende und wir schliefen mehr oder weniger gut dem entgegen, was uns morgen erwarten würde.

Der Morgen kam und es kam das weniger gute Wetter – aber es war nicht kalt. Das war besonders für mich sehr wichtig !

Ich warf mich in Schale – ja zur Feier des 20. RSTGL lief ich in „festlicher“ Kleidung

(siehe Bilder).

Wir liefen uns etwas locker und standen pünktlich zum Einsetzen des Regens um 8.50 Uhr an der Startlinie. Mit rund 3000 Läufern „feierten“ wir den für Neuhaus berühmten Vorstart unter anderem mit dem geschunkelten „Schneewalzer“ !

Der Startschuss ertönte und der Regen hörte auf – aber völlig durchnässt begaben wir uns auf die Strecke.

Bis gegen km 20 ging es bei Börnie wirklich gut. Ich sorgte für ein angepasstes Tempo aber

auch dafür, dass er vor lauter Respekt nicht unter seinen Möglichkeiten lief. Besonders bemühte ich mich, ihm das Bergablaufen ohne grossen Krafteinsatz und das Einhalten der Ideallinie nahe zu bringen.

Etwa am Ende des Hohlweges bei ca. km 22 war dann Schluss mit Lustig. Jetzt ging es in für ihn ungewohnte Bereiche. Spätestens jetzt fing er an, jede nicht gelaufene Lange Einheit zu bereuen. Jetzt kamen die entscheidenden Phasen des Laufes – jetzt würde es sich erweisen, ob er in der Lage sein würde, die nötige Willensqualität aufzubringen.

Und wie er sie aufbrachte !!! Er lief beinahe wie ein Uhrwerk. Meine dauernden Ermahnungen: „Nicht gehen, nicht hier!“ setzte er tatsächlich voll um. Wenn ich ihm an jeder etwas schwierigen Stelle das Gehen „erlaubt“ hätte, hätte er den Lauf garantiert nicht ins Ziel gebracht !

Bald wurde der Durst (trotz regelmäßigem Trinken an den Getränkestellen) so groß bei ihm, dass ich mir etwas einfallen lassen musste, um den „Sieg“ nicht in Gefahr zu bringen.

In Kahlert stand unser „Fanclub“  - das Auto paar hundert Meter entfernt.

Ich schickte Börnie ohne Halt durch und lies mir die wohlweislich mitgenommene grosse Flasche Wasser geben. Nach rund 5 Minuten war ich wieder an Börnies Seite und konnte ihm (ohne Halt) von seinem Durst erlösen. Der Flascheninhalt wurde dann so aufgeteilt, dass er bis 2 km vor dem Ziel ausreichte, um keinen Durst mehr aufkommen zu lassen. Die Verpflegungspunkte wurden natürlich auch voll genutzt. Zusätzlich hatte ich Kohlehydratgels und Salztabletten seit dem Start am Mann. Ich „ging“ immer rund 100 Meter nach vorn und konnte dann Börnie ohne Halt versorgen.

2 x „erlaubte“ ich ihm das Gehen – am steilen Berg 2 km nach Neustadt und an der Steigung vor dem Verpflegungspunkt Frauenwald.

Wenn es nicht anders gegangen wäre, hätte ich ihn natürlich nicht bis in einen gefährlichen Bereich gequält, aber ich wollte ihn auf jeden Fall dahin bringen, dass er richtig vollen Willen entwickelt und spürt, was eigentlich in ihm steckt. Dass er merkt und lernt, wozu man fähig ist, wenn man richtig will !!!

Kurz gesagt, er überraschte mich und sich selbst. Auch die Schlusssteigung zum Sportplatz in Schmiedefeld konnte er noch „rennen“ !

Hinterher war er mir unendlich dankbar, dass ich ihn so unterstützt aber auch gefordert hatte !

Sein Satz: „Ohne Dich hätte ich es nicht geschafft – Ich danke Dir !“ war für mich der schönste Lohn !

Es war für mich ein, wenn auch diesmal völlig anderes, Erfolgserlebnis !

Für Börnie war es natürlich weitaus größer und auch sehr viel entscheidender für seine weitere Laufkarriere !

Dafür wünsche ich Dir alles Gute !

 

 
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